Unsere Geschichte

Aus Tradition fortschrittlich

Täglich werden neue Gene entschlüsselt, schwarze Löcher entdeckt und E-Mails in Sekundenschnelle bis ans Ende der Welt geschickt.

Der Fortschritt von Medizin und Technik ist übergroß und scheint und manchmal zu überrollen. Deshalb ist wichtig, ab und zu innezuhalten und sich zu besinnen, woher wir überhaupt kommen und stammen. Wer wir sind, wie wir sind, wohin wir und unsere Kinder gehen, hat die Menschen seit jeher bewegt und zu Nachforschungen inspiriert und zu vorausschauendem Handeln befähigt. Auch uns.

125 Jahre befindet sich nun die Apotheke Esser den Familienbesitz. Eine Zahl, die verpflichtet und motiviert zugleich. Sie verpflichtet, weil es gilt, das Lebenswerk von Ururgroßvater, Urgroßvater, Oma und Opa sowie Vater mit Engagement, Weitblick und pharmazeutischem Wissen aufrechtzuhalten.

Und 125 Jahre Apotheke Esser bedeuten auch ein Stück Urberach. Wie passend ist da der Umstand, dass im gleichen Jahr Urberach sein 725-jähriges Bestehen feiert! Deshalb haben wir uns kurzerhand entschlossen, unser Geschäftjubiläum an den Urberacher Festtagen im Oktober zu feiern.

Die Zahl 125 motiviert, weil es etwas Besonderes ist zu wissen, dass nunmehr fünf Generationen die Begeisterung für den selben Beruf teilen und bewahren.

Wohlgemerkt: Unser Urgroßvater war damals genauso Pharmazeut und stand damit genauso im Dienste der Gesundheit der Menschen wie heute wir als seine Ururenkel. Ihnen, liebe Leserinnen und Leser, mit Rat und Tat zur Seite zu stehen, Ihnen zu helfen und Sie rund um das Arzneimittel und Ihr Wohlergehen zu beraten - das ist unsere Verpflichtung. Damit auch sie sagen können:

125 Jahre Apotheke Esser, das ist eine runde Sache.

1. Generation stellt die Weichen

Bei der Auswahl der eingestellten Verwalter hat die Witwe Bögel zunächst kein glückliches Händchen. Mit einem muss sie sich sogar vor Gericht auseinander setzen. Irgendwann bewirbt sich der 31-jährige Sohn des Arztes Dr. Leonhard Conradi, Apotheker Johann Georg Conradi, als Verwalter der verwaisten Apotheke in der Dieburger Straße. 
Die Regierung lehnt zunächst wegen der hohen Schulden eine weitere Verwaltung der Apotheke ab, doch das Johann Conradi mitteilt, dass er die Schulden begleichen und Frau Bögel heiraten werde, erhält er die Konzession zum Betrieb der Hirsch-Apotheke am 18. Dezember 1875. Das ist das entscheidende Datum dafür, dass heute im Jahr 2000 die Apotheke Esser seit 125 Jahren in Familienbesitz ist. 
Tatkräftig wie Johann Georg, Jean genannt, ist, erteilt er gleich zu Beginn des Jahres 1878 den Auftrag, das Haus in der Dieburger Straße um ein zweites Stockwerk zu erweitern.
Seine Investitionen scheinen wohl überlegt. Zumindest leitet er die Apotheke 13 Jahre lang mehr recht als schlecht, bis er 1888 die Apotheke an Apotheker Wilhelm Avenarius für die Dauer von sechs Jahren verpachtet und zunächst nach Bensheim übersiedelt. 
Der neue Apotheker scheint Eindruck zu machen. Zumindest widmet ihm der Heimatdichter Nikolaus Schwarzkopf im Das Apothekerkätchen eine ganze Geschichtsstrophe: 
Er war ein Mann von 40 Jahren, ein stiller, angesehener Rheinhesse, den wir mit Geheimnissen umgaben, wie sie damals dem Apotheker noch zustanden. Ohne dass man seinen Körper sah, bewegte er sich hinter der Theke zwischen den süßen Kräuterdüften, und seine funkelnden leuchteten hinter den mit Gold umränderten Brillengläsern inmitten der Flaschen aller Formen und Farbe, inmitten der goldenen lateinischen Inschriften hinter den gleißenden Waagenschalen aus Messing oder aus Horn, die an grünen Seidenfäden hingen.
Wenn die zarten Finger das rote Papierhütchen um den Propfen fälteten, dann suchten diese rollenden Augen schon nach dem Stück Johannisbrot das jedem Kind geschenkt wurde.

2. Generation: langsamer, aber stetiger Aufschwung

Nach Ablauf der sechsjährigen Pachtzeit zieht es Jean Conradi im Juli 1894 wieder nach Urberach zurück. Er leitet die Apotheke erneut, bis er am 1. Oktober 1903 seinem Sohn Carl Johann, Carlo genannt, die Pacht übertragen kann, weil dieser gerade die pharmazeutische Staatsprüfung bestanden hat.
So bleibt die Apotheke weiterhin in Familienbesitz. Um die Jahrhundertwende herum schafft sich Jean Conradi seinen Alterssitz, und zwar in unmittelbarer Nachbarschaft zur Apotheke. Er errichtet in der Dieburger Straße 15 ein Haus, das heute als das Kohlen-Groh-Haus bekannt ist. Dort lebt er, bis er 1918 stirbt.
Urberacher um die Jahrhundertwende: Ein Dorf der vorindustriellen Zeit. Kleine landwirtschaftliche Betriebe, das dazugehörige Handwerk und Geschäfte, die zum alltäglichen Lebensunterhalt gebraucht werden.
Und die Urberacher Töpferein für Gebrauchskeramik. Ein Steinbruch auf der Bulau, Tongruben bei der Thomashütte. Bis auf eine Hutstoff-Fabrik keine Industrie, erst später kam die TN dazu. Keine Großgrund Besitzer, keine reichen Großbürger. Die durchziehenden Hauptstraßen gepflastert, die Rinne in der Mitte, keine Bürgersteige. Kuhgespanne, Gänse, Hühner und Enten auf der Straße (Mei best Hinkel! - wenn eines zu Schaden kaam.
Lasten werden in Leiterwagen oder auch auf dem Kopf transportiert. Anschluss an die Bahnlinie; 1904 wurde die Bahnstrecke Ober-Roden-Urberach-Buchschlag eröffnet. Eine kleine Dorfschule, die 1906/1907 in der Töpferstraße erbaut wurde.
Im Zentrum die Katholische Kirche ST. Gallus, deren Glocken im November 1920 am Bahnhof ankamen und in feierlicher Prozession zur Kirche geleitet wurden. Überwiegend einfache bis arme Verhältnisse, die Frauen müssen zum Lebensunterhalt der Familie beitragen, indem sie sich beispielsweise als Waldarbeiterinnen betätigen. Carlo Conradi hat ein glückliches Händchen und eine einfühlsame Art. Etwa 20 Jahre läuft die Apotheke recht erfolgreich. Aber was noch wichtiger ist: Er gewinnt die Achtung der Einwohner der ganzen Umgegend.
Das Gebäude wird renoviert und neu eingerichtet. Zu dieser Zeit baut man außen mit Stein, aber die Innenwände werden immer noch traditionsgemäß mit Holz- Fachwerk ausgeführt, das mit Feldbrandstein ausgemauert wird. Doch auch vor Carlo Conradi macht das Schicksal nicht Halt.
Ein Leiden plagt ihn trotz aller Behandlungen derart, dass er sich außer Stande sieht, seiner Arbeit nachzugehen. Die Apotheke muss erneut verpachtet werden.
So übernimmt 1922 Apotheker Alois Haitz die Leitung der Apotheke bis zum Jahre 1927. Als sein Vertrag ausläuft, wendet sich der damalige Bürgermeister Urberachs voller Sorge an das Hessische Kreisgesundheitsamt, weil er befürchtet, es werden sich erneut die verschiedenen Verwalter die Apothekenklinke in die Hand geben, wenn der Vertrag mit Haitz nicht verlängert wird.
Wir hoffen in dieser Angelegenheit, die Unterstützung der Behörden zu finden, denn nur dies... gibt der Gemeinde die Gewähr, dass die Apotheke in Urberach keinen Schaden in ihrem Ruf bei den Nachbargemeinden erleidet, und so wird die hiesige Apotheke der Nachkommenschaft erhalten.
Sein Gesuch hat keinen Erfolg. Die Apotheker Rinn, Kraus und Beisenkötter verwalten nacheinander die Hirsch-Apotheke zu Urberach. Nach langer Krankheit stirbt Ende 1932 Carlo Conradi.

3. Generation: gute Zeiten - schlechte Zeiten Wie geht es weiter?

Auf die Nachkommen der Familie Conradi ist auch diesmal Verlass. Die älteste Tochter, Carlo Conradis, Elisabeth, besteht 1923 das pharmazeutische Vorexamen und tritt damit in die Fußstapfen ihres Vaters. Außerdem will es das Schicksal, dass Edda - so wurde sie von allen liebevoll genannt - einen Apotheker und Tierarzt heiratet.
Ihr Ehemann, Dr. med. vet. Paul Esser, übernimmt denn auch am 1. Mai 132 die Verwaltung der Hirsch-Apotheke. Was zunächst glücklich beginnt, wird durch den zweiten Weltkrieg jäh unterbrochen. Es geht Schlag auf Schlag: Paul Esser wird eingezogen, und seine Frau Edda wird bis zum Kriegsende zur Führung der Apotheke dienstverpflichtet. Mit Unterstützung ihrer Schwester Liselotte, mittlerweile verheiratete Schlichtling, balancieren die beiden Frauen die elterliche Hirsch- Apotheke und Drogenhandlung durch die Unwägsamkeiten des Krieges.
Urberach hat 113 Gefallene bei 2900 Einwohnern zu beklagen. Aufgrund des Gesetzes zum Schutz des Einzelhandels wird die Apotheke 1945 offiziell von der Drogenhandlung getrennt, aber in den gleichen Räumen weitergeführt.
Aber auch nach 1945 werden die Zeiten zunächst nicht besser. Paul Esser ist in Kriegsgefangenschaft.
Wann er aus dem Arbeitslager entlassen wird, ist nicht definitiv in Erfahrung zu bringen. Vermutlich kehrt er erst 1950 wieder heim, erinnert sich sein Sohn Hans. Für diese Zeit muss auf Veranlassung der Regierung die Apotheke erneut verpachtet werden. Für die Dauer von fünf Jahren übernimmt deshalb Apotheker R. E. Meyer die Geschicke der Apotheke.
Ab 1. Januar 1951 kann dann endlich Dr. Paul Esser wieder hinter der Apothekentheke seines Geschäftes stehen, das in eine Familien-Kommanditgesellschaft umgewandelt wird. Der Name zu dieser Zeit lautet:
Hirsch-Apotheke
C. Conradi Nachf. Dr. P. Esser KG
Urberach
Wie sind die geschäftlichen Perspektiven für Dr. Paul Esser und seine Frau Edda?
Die Bevölkerung wächst schnell, und deshalb wird das Einzugsgebiet der Apotheke, das 1910 noch die Orte Götzhain, Offenthal, Dietzenbach, Ober-Roden, Nieder- Roden, Eppertshausen und Messel umfasste, mehr und mehr beschnitten.
Zwar betreibt die Hirsch- Apotheke nach wie vor einige Rezeptsammelstellen, wie in Messel und Offenthal. Aber nach und nach siedeln sich in den einzelnen Ortschaften neue Apotheken an.
Das Apotheker-Ehepaar Esser lässt sich nicht unterkriegen und geht auf Expansionskurs: Sie beantragen die Eröffnung einer Filiale der Apotheke in Dietzenbach, und zwar in der Hügelstraßge, Ecke Karlstraßige. Diese wird genehmigt, aber nach Ausbau zur Vollapotheke wider verkauft. Erfolgreicher ist da die Idee, in Ober- Roden eine Apotheken-Zweigstelle einzurichten.
Diese wird 1951 in der Trinkbrunnenstraßige 8 gegründet; sie ist zunächst in gemieteten Räumen untergebracht. 1962 steht dann der Umzug in ein Gebäude an, in dem die heutige Rodau-Apotheke auch jetzt noch beheimatet ist, und zwar in der Dieburger Straßige direkt am Ober-Röder Bahnübergang.
Zur Eröffnung wirbt die Hirsch-Apotheke mit Seit fast 100 Jahren steht die Hirsch-Apotheke verantwortungsbewusst und gewissenhaft im Dienste ihrer Kunden. 1966 wird die Zweigapotheke in Ober-Roden in eine Vollapotheke umgewandelt.
Damals ist es vom Gesetz her noch erlaubt, dass ein Apotheker mehrere Betriebserlaubnisse besitzen kann. Heute kann jeweils ein Apotheker nur für eine Apotheke verantwortlich sein, damit die wirtschaftliche Unabhängigkeit gewahrt bleibt.
Das ist auch der Grund dafür, warum Dr. Paul Esser die Hirsch-Apotheke in Ober- Roden in den siebziger Jahren verkaufen musste.

4. Generation: Apotheke bei Hans Esser in guten Händen

Bei all der Arbeit, die auf Paul und Edda Esser einstürmen, ist es gut, dass ihr Sohn, Hans-Joachim Esser, auch Interesse für die Pharmazie hegt. 
 
Im November 1967 legt er das pharmazeutische Staatsexsamen in Mainz ab, führt damit die Familientradition fort und steht seinen Eltern zur Seite. Diese können jede hilfreiche Hand gebrauchen, steht doch 1968 der Umzug der Urberacher Hirsch- Apotheke von der Dieburger Straße 13 in den Neubau mit der Hausnummer 17 an.

Aus der Chronik der Gemeinde Urberach von 1975 ist zu entnehmen:
1968/69 erstellte Dr. Paul Esser mit seinem Sohn Hans Esser in der Dieburger Straße 17 eine neue Apotheke und Drogerie.

Durch Zugang in einen vollkommen in Glas aufgelösten Pavillon gelangt man ebenerdig in die Apotheke und in die Drogerie. Diese wird 1974 erweitert... 1969 verstirbt dann Edda Esser. Ihr Mann schreibt in Aufzeichnungen anlälsslich des 100-jährigen Jubiläums der Hirsch-Apotheke: Sie verstarb, nachdem sie ihren Wunsch nach einer großen, schönen Apotheke noch erfüllt sah. Parfümerie, Reformhaus und Foto waren mittlerweile dazugekommen.
Die Aufzeichnungen Paul Essers zum 100. Geburtstag der Apotheke bieten noch mehr. Dr. Paul Esser leitet die Apotheke nun seit 22 Jahren,..., seit Jahren mit Unterstützung seines Sohnes Hans, ... beide hoffen es zu nutzen und Frommen, zur Zufriedenheit der Einwohnerschaft bisher getan zu haben. Nach rund drei Jahrzehnten konsequenter und weitblickender Arbeit bergibt Dr. Paul Esser die Hirsch-Apotheke zu Urberach 1977 seinem Sohn Hans. Dieser ändert 1990 den Namen Hirsch-Apotheke in Apotheke Esser - und aus der Dieburger Straße ist mittlerweile die Traminer Straße geworden. Hans Esser und seine Frau Elisabeth machen die Apotheke zu dem, was sie heute ist. Auch heute noch hält sich der Seniorchef mit weisem Rat im Hintergrund.

5. Generation: doppeltes Engagement für die Zukunft

Wie könnte es bei dieser Familiengeschichte anders sein: Auch die beiden Kinder von Hans und Elisabeth Esser, Jochen und Evelyn, können sich der Familientradition nicht entziehen und studieren ebenfalls Pharmazie, der eine in Berlin, die andere in Mainz.

Als Hans Esser zu Beginn des Jahres 1999 die Leitung der Apotheke in die Verantwortung seiner beiden Kinder übergibt, weiß er das Traditionsunternehmen in guten Händen.

Man bedenke: Mit Jochen und Evelyn ist die Apotheke bereits seit fünf Generationen in Familienbesitz.